Eine Firmengeschichte, in der immer alles glattlief, ist meistens nicht wahr. Gute Geschichten über Essen erzählen von Höhen und Tiefen und von dem Kampf, der nötig war, um dort anzukommen, wo man heute steht. Erst da zeigt sich, ob hinter einem Produkt Überzeugung steckt oder nur Werbung.
Sebastian H. Schröder ist Journalist und Host von Foodsteps, dem Nachhaltigkeitspodcast des Bundeszentrums für Ernährung (BZfE). Ernährungsprofi ist er nach eigener Aussage nicht, seine Ressorts sind Gesellschaft, Politik und Kultur. Zehn Jahre hat er in der Werbung gearbeitet. Deshalb merkt er sofort, wenn eine Marke „seit 1899″ auf die Packung schreibt, es die Firma aber erst seit fünf Jahren gibt. Sein Test für jede Gründungsgeschichte ist simpel: Erzähl mir von deinem tiefsten Punkt.
Drei seiner Geschichten hat er mitgebracht. In Hamburg entwickelt ein Paar mit dem befreundeten Metzgerehepaar von nebenan eine Hybridwurst aus Fleisch und Lupine. Küchenchefs in der Gemeinschaftsverpflegung sind nach dem ersten Bissen überzeugt. Steht aber „Hybrid“ auf der Karte, greifen deutlich weniger Gäste zu. Einen Hersteller zu finden, wird zur nächsten Hürde, denn Lupine ist ein Allergen und keine Firma will es auf ihrer Produktionslinie. Auf Stefans Nachfrage kommt außerdem heraus: In der „50/50-Wurst“ stecken nur 38 Prozent Fleisch.
In Wuppertal bringt der Essbare Arrenberg, ein Projekt des Vereins Aufbruch am Arrenberg e.V., ein benachteiligtes Viertel an einen Tisch. Der Verein setzt sich für nachhaltige Ernährung, Klimaschutz und nachbarschaftliches Miteinander ein. Das Motto lautet „Gutes Klima fängt beim Essen an“, gemeint sind das Klima im Viertel und das globale. Beim Restaurant Day öffnen achtzig bis neunzig Haushalte ihre Türen und kochen ihr Lieblingsessen für die Nachbarschaft. Dazu kommen Salat aus Überseecontainern auf einem alten Bahndamm, eine Eieraktie und eine Nachbarschaftsküche.
In den 1990ern eröffnete Karin Beier als „Wessi“ die erste Bio-Bäckerei Sachsen-Anhalts. Bis heute backt sie dort Sauerteigbrot, mit Leidenschaft. Als ein Drittel ihrer Belegschaft ausfällt, streicht sie Kuchen und Teilchen, backt nur noch an vier Tagen und erklärt ihrer Kundschaft offen, warum. Die organisiert die Auslieferung daraufhin selbst, über eine WhatsApp-Gruppe. Und das Brot fährt mit dem Linienbus bis zur Haltestelle.
Stefan und Sebastian sprechen auch darüber, warum der Lebensmittelmarkt konservativer ist, als wir glauben, warum sich beim Handel ohne Druck wenig bewegt und warum Geschichten länger im Kopf bleiben als Fakten. Sebastians Lieblingswort dafür: Ambiguitätstoleranz.
„Die Unternehmensgeschichte will immer erzählen, wie toll das Unternehmen ist […]. Aber eine gute Geschichte funktioniert ja anders. Eine gute Geschichte funktioniert über Höhen und Tiefen und über den Kampf, den man kämpfen musste, um dahin zu kommen, wo man heute ist.“
Sebastian H. Schröder
Häufige Fragen zur Folge
Wie erkennt man, ob eine Markengeschichte echt ist?
Sebastian Schröder, früher zehn Jahre in der Werbung, fragt nach dem tiefsten Punkt eines Unternehmens. Wer keinen nennen kann, erzählt nach seiner Erfahrung wahrscheinlich nicht die Wahrheit. Misstrauisch wird er auch, wenn eine erst fünf Jahre alte Firma „seit 1899″ auf die Packung schreibt. Ein gutes Zeichen ist dagegen, wenn ein Produkt nichts verspricht außer dem, was es ist.
Schmecken Produkte mit guter Geschichte besser?
Subjektiv ja, sagt Schröder. Er verweist auf verschiedene Studien, nach denen Produkte mit einer guten Geschichte lieber konsumiert und mehr wertgeschätzt werden. Das Gefühl, sich gut zu ernähren, steigere das Wohlbefinden, objektiv ändere sich am Produkt aber nichts.
Was ist eine Hybridwurst?
Eine Wurst, in der ein Teil des Fleisches durch pflanzliches Protein ersetzt wird. Im Beispiel aus Hamburg ist es Lupine. Auf der Packung steht „50/50″, tatsächlich enthält die Wurst laut Schröder 38 Prozent Fleisch. Ziel war eine Wurst, die genauso schmeckt wie eine klassische.
Warum ist Lupine in der Wurstproduktion ein Problem?
Lupine ist ein Allergen und muss gekennzeichnet werden. Nach Schröders Schilderung fand die Hamburger Hybridwurst deshalb keinen Hersteller: Kein Betrieb wollte ein Allergen in seine saubere Produktionsstraße für Würstchen holen, weil er es dann bei allen Produkten ausweisen müsste.
Was ist der Essbare Arrenberg in Wuppertal?
Ein Projekt des Vereins Aufbruch am Arrenberg e.V., der sich im Wuppertaler Stadtteil Arrenberg für nachhaltige Ernährung, Klimaschutz und Nachbarschaft einsetzt. Nach Schröders Angaben begann die Arbeit 2008. Dazu gehören eine Nachbarschaftsküche, Salatanbau in Containern, eine solidarische Landwirtschaft, eine Eieraktie und der Restaurant Day.
Was ist der Restaurant Day?
Ein Tag, an dem Haushalte im Viertel ihre Türen öffnen und ihr Lieblingsessen für alle kochen, die vorbeikommen. Wer kochen will, meldet sich vorher an. Gäste können spenden. Am Arrenberg waren es laut Schröder nach wenigen Anläufen 80 bis 90 offene Türen, abends aßen alle an einer langen Tischreihe auf dem zentralen Platz.
Wie funktioniert Brotversand per Linienbus?
Kundinnen und Kunden bestellen telefonisch vor. Die Bäckerei packt die Ware hygienisch in eine Kiste und gibt sie dem Linienbus mit, der die Strecke ohnehin fährt. Der Busfahrer erhält die Namen der Abholenden, die ihre Tüte an der eigenen Haltestelle aus dem Bus holen. Schröder beschreibt das Modell am Beispiel der Bio-Bäckerin Karin Beier in Sachsen-Anhalt.
Warum sind Teilchen für kleine Bäckereien ein Minusgeschäft?
So hat es Karin Beier Schröder erklärt: Im kleinen Betrieb brächten Kuchen und Teilchen Verlust, das Brot müsse das ausgleichen. Seit sie darauf verzichtet, kann sie ihr Brot günstiger anbieten. Ob das für alle Bäckereien gilt, lässt Schröder ausdrücklich offen.
Was ist Foodsteps?
Der Nachhaltigkeitspodcast des Bundeszentrums für Ernährung (BZfE), moderiert von Sebastian Schröder. Er erzählt Geschichten von Menschen, die die Ernährungswende in Deutschland voranbringen. Jede Folge wird vor Ort aufgenommen, anschließend faktengeprüft, als Skript geschrieben und eingesprochen. Die dritte Staffel ist in Produktion, Proteine sollen darin eine große Rolle spielen.
Begriffe aus der Folge
- Hybridwurst: Wurst, in der ein Teil des Fleisches durch pflanzliches Protein ersetzt ist.
- Lupine: Hülsenfrucht mit hohem Eiweißgehalt, die als Allergen gekennzeichnet werden muss.
- Gemeinschaftsverpflegung: Essen in Kantinen, Mensen, Kliniken und Betriebsrestaurants.
- Haltungsform: fünfstufige Kennzeichnung der Tierhaltung bei Fleisch, Stufe 5 entspricht Bio.
- Ernährungsumgebung: alles, was im Alltag beeinflusst, was Menschen essen, vom Angebot vor Ort bis zu den Öffnungszeiten.
- Werbelügen: Schröders Wort für Werbeversprechen, die das Produkt nicht hält. Foodwatch vergibt dafür jedes Jahr einen Negativpreis.
- Restaurant Day: Aktionstag, an dem Privathaushalte für Gäste aus der Nachbarschaft kochen.
- Solidarische Landwirtschaft: Eine Gruppe finanziert einen Hof vorab und teilt sich dafür die Ernte.
- Aquaponik: Kreislauf aus Fischzucht und Pflanzenanbau, in dem das Fischwasser die Pflanzen düngt.
- Eieraktie: Anteil an einem Hof mit mobilen Hühnerställen, der wöchentlich Eier einbringt.
- Foodsharing: Weitergabe überschüssiger Lebensmittel, etwa aus Supermärkten, statt sie wegzuwerfen.
- Marktschwärmer: Online-Bestellung bei Erzeugern aus der Region mit wöchentlicher Abholung an einem festen Ort.
- Selbstwirksamkeit: die Erfahrung, durch eigenes Handeln etwas zu bewirken.
- Ambiguitätstoleranz: die Fähigkeit, Widersprüche und fehlende einfache Lösungen auszuhalten.